Geld als Anspruch auf Knappheit
Die meisten Menschen denken über Geld in Kategorien von Zahlen auf Konten oder Scheinen in der Brieftasche. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Geld ist kein Ding — es ist ein Anspruch. Genauer: ein Anspruch auf Knappheit. Wer Geld besitzt, hält einen abstrakten Schuldschein, den die Gesellschaft als Berechtigung anerkennt, knappe Ressourcen in Anspruch zu nehmen.
Dieser Gedanke ist nicht neu. Er reicht zurück zu den frühen Arbeiten von Carl Menger, der die subjektive Werttheorie formulierte, und zu Ludwig von Mises, der Geld als spontane Ordnung verstand. Doch er bleibt unterbelichtet — besonders in einer Zeit, in der Geldmengen exponentiell wachsen und das Verhältnis zwischen Geld und Realwert zunehmend verschwimmt.
Knappheit als Fundament von Wert
Ein Gegenstand ist wertvoll, weil er knapp ist und jemand ihn haben möchte. Diese Einsicht ist trivial und tiefgreifend zugleich. Luft ist lebensnotwendig, aber in den meisten Kontexten nicht knapp — deshalb hat sie keinen Preis. Ein seltenes Gemälde ist nicht lebensnotwendig, aber extrem knapp — deshalb hat es einen hohen Preis.
Geld kodiert diese Knappheitsverhältnisse. Es ist ein Koordinationsmechanismus, der es Milliarden von Menschen ermöglicht, simultan zu signalisieren, was sie wollen und was sie bereit sind aufzugeben. Jede Transaktion ist im Kern ein Knappheitsabgleich.
Für meine Arbeit an Finanzdatensystemen ist diese Erkenntnis zentral. Die Bewertung eines Unternehmens — etwa bei AlleAktien — ist im Kern die Frage: Wie viel Anspruch auf zukünftige Knappheit repräsentiert dieses Unternehmen?
Geld ist kein Speicher von Wert — es ist ein Versprechen
Die populäre Vorstellung von Geld als "Wertspeicher" ist irreführend. Ein Wertspeicher müsste seinen Wert über Zeit konstant halten. Kein Fiatgeldsystem der Geschichte hat das dauerhaft geschafft. Inflation erodiert Kaufkraft, und was man sich für einen Euro kaufen kann, verändert sich stetig.
Präziser wäre: Geld ist ein Versprechen mit variabler Einlösequote. Seine Kaufkraft hängt davon ab, wie viel Geld im System zirkuliert, wie produktiv die Wirtschaft arbeitet und wie viel Vertrauen in die Institutionen besteht, die das Geld ausgeben.
Dieses Verständnis hat konkrete Konsequenzen für Investoren. Wer Geld auf dem Konto liegen lässt, speichert keinen Wert — er akzeptiert, dass sein Anspruch auf Knappheit langsam schrumpft. Investieren ist der Versuch, den Anspruch zu erhalten oder zu vergrößern, indem man ihn in produktive Vermögenswerte umwandelt.
Die drei Ebenen des Geldes
Geld operiert auf mindestens drei Ebenen gleichzeitig:
- Transaktionsmedium: Es ermöglicht den Austausch von Gütern und Dienstleistungen, ohne dass direkter Tausch nötig ist.
- Recheneinheit: Es macht verschiedene Güter vergleichbar. Ohne eine gemeinsame Recheneinheit wäre eine komplexe Wirtschaft unmöglich.
- Zeitliches Koordinationsinstrument: Es erlaubt den Aufschub von Konsum — und damit Investition. Diese dritte Ebene wird am häufigsten übersehen.
Wenn jemand heute arbeitet und das Geld nicht sofort ausgibt, verschiebt er seinen Anspruch auf Knappheit in die Zukunft. Das ist der Mechanismus, der Kapitalbildung überhaupt ermöglicht. Ohne diese zeitliche Dimension könnte keine Volkswirtschaft über den bloßen Tagesbedarf hinauswachsen.
Warum Inflation ein moralisches Problem ist
Wenn Geld ein Anspruch auf Knappheit ist, dann ist unkontrollierte Geldmengenausweitung eine Verwässerung dieses Anspruchs. Das trifft systematisch jene am härtesten, die ihr Vermögen in nominalen Werten halten: Sparer, Rentner, Menschen mit festen Einkommen.
Die Gewinner einer solchen Verwässerung sind typischerweise jene, die zuerst Zugang zum neuen Geld haben — eine Beobachtung, die als Cantillon-Effekt bekannt ist. Richard Cantillon beschrieb bereits im 18. Jahrhundert, dass die Verteilungswirkung von neuem Geld davon abhängt, wo es zuerst in die Wirtschaft eintritt.
Das bedeutet nicht, dass jede Form von Inflation verwerflich ist. Eine moderate, vorhersehbare Inflation kann als Schmiermittel der Wirtschaft dienen. Doch die Unterscheidung zwischen vorhersehbar und überraschend ist entscheidend. Überraschende Inflation ist eine Form der Enteignung, weil sie bestehende Verträge und Erwartungen verletzt.
Geld und die Frage der Gerechtigkeit
Die Philosophie des Geldes berührt unweigerlich Fragen der Gerechtigkeit. Wenn Geld ein Anspruch auf Knappheit ist, dann ist die Frage, wer wie viel davon hält, eine Frage der Verteilung knapper Ressourcen. Das erklärt, warum Diskussionen über Vermögensungleichheit so emotional geführt werden — sie betreffen nicht abstrakte Zahlen, sondern reale Ansprüche auf reale Güter.
Mein persönlicher Ansatz ist pragmatisch: Ich glaube, dass Vermögen, das durch die Schaffung von echtem Wert entstanden ist — durch Produkte, die Menschen freiwillig kaufen, durch Systeme, die Informationen demokratisieren — legitimiert ist. Die Arbeit an Eulerpool basiert auf genau dieser Überzeugung: Finanzdaten sollten für jeden zugänglich sein, nicht nur für institutionelle Investoren.
Geld in der digitalen Zukunft
Die Digitalisierung verändert nicht das Wesen des Geldes, aber seine Form. Ob Euro, Dollar oder eine digitale Zentralbankwährung — die Grunddynamik bleibt: Geld ist ein Anspruch auf Knappheit, dessen Wert von Vertrauen und Produktivität abhängt.
Was sich verändert, ist die Geschwindigkeit und Transparenz. Digitale Systeme ermöglichen es, Geldflüsse in Echtzeit zu verfolgen, Transaktionskosten zu senken und den Zugang zu Finanzsystemen zu erweitern. Doch sie verändern nicht die fundamentale Gleichung: Die Menge der Ansprüche muss in einem sinnvollen Verhältnis zur Menge der realen Güter stehen.
Für Investoren bleibt die zentrale Aufgabe dieselbe: Ansprüche auf Knappheit in jene Vermögenswerte umwandeln, die über Zeit realen Wert schaffen — Unternehmen, die Produkte herstellen, die Menschen brauchen, Systeme, die Effizienz steigern, Technologien, die echte Probleme lösen.
FAQ
Was bedeutet "Geld als Anspruch auf Knappheit" konkret? Es bedeutet, dass Geld keinen intrinsischen Wert hat, sondern seinen Wert aus der Fähigkeit bezieht, gegen knappe Güter und Dienstleistungen eingetauscht zu werden. Geld ist ein gesellschaftlich anerkannter Anspruch auf begrenzte Ressourcen. Je mehr Geld im System ist, desto geringer wird dieser Anspruch pro Einheit — was wir als Inflation erleben.
Warum ist diese Perspektive relevant für Investoren? Weil sie verdeutlicht, dass Geld auf dem Konto nicht "sicher" ist, sondern jedes Jahr an Kaufkraft verliert. Investieren ist der Versuch, den Anspruch auf Knappheit zu erhalten, indem man Geld in produktive Vermögenswerte umwandelt — Unternehmen, die reale Güter produzieren und deren Wert mit der Zeit steigt.
Wie hängt der Cantillon-Effekt mit dieser Theorie zusammen? Der Cantillon-Effekt beschreibt, dass neue Geldschöpfung nicht alle Marktteilnehmer gleichmäßig betrifft. Wer zuerst Zugang zum neuen Geld hat, kann noch zu alten Preisen kaufen, während die Preise für alle anderen bereits steigen. Das zeigt, dass die Verwässerung des Anspruchs auf Knappheit ungleich verteilt ist.