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Wie wir Aktien analysieren: Die 12 Kennzahlen, die wirklich zählen

Die 12 Kennzahlen – mit Definition, Schwellenwert und konkretem Beispiel.

Verfasst von Michael C. JakobMIT · ETH Zürich · McKinsey · UBS →

Die meisten Aktien-Analysen scheitern nicht an fehlenden Daten, sondern an zu vielen. Wer eine Aktie an 50 Kennzahlen prüft, verliert sich im Rauschen. Diese Seite zeigt die 12 Kennzahlen, die in jeder unserer Aktien-Analysen vorkommen – mit Definition, Schwellenwert und Beispiel.

Methodik in einem Absatz

Eine Aktie ist nichts anderes als der Anspruch auf einen Anteil an den zukünftigen Cashflows eines Unternehmens. Daraus folgt: Wir prüfen drei Dinge in dieser Reihenfolge. Erstens, ob das Geschäft wächst (Umsatz, FCF, EBIT). Zweitens, ob das Wachstum profitabel ist (ROIC, ROCE, Bruttomarge). Drittens, ob das Unternehmen finanziell stabil ist (Verschuldung, EK-Quote). Viertens, ob das Management vernünftig mit dem Kapital umgeht (Buybacks, Dividenden). Erst danach – und nicht früher – prüfen wir die Bewertung (KGV, FCF-Yield).

Wer sich an diese Reihenfolge hält, vermeidet die klassische Wert-Falle: eine billige Aktie kaufen, weil sie billig ist – obwohl das Geschäft strukturell kaputt geht.

1–3: Wachstum (Umsatz, FCF, EBIT)

1. Umsatzwachstum (5–10 Jahre CAGR)

Definition: Wachstum des Nettoumsatzes jährlich, gemittelt über die letzten 5 oder 10 Jahre.

Schwellenwert: ≥ 5 % p. a. Wer langsamer wächst, ist im besten Fall ein „Cigar Butt" (kurzfristig spielbare Wert-Anomalie), nicht ein Compounder. Wir wollen Compounder.

Beispiel: Microsoft 2014–2024 ≈ 11 % p. a. Umsatz-CAGR – stark und beständig, kein Markenkern-Verfall.

2. Free Cashflow-Wachstum (5–10 Jahre CAGR)

Definition: Wachstum des Free Cashflows (CFO − CapEx) jährlich.

Schwellenwert: ≥ Umsatzwachstum. Wenn FCF schneller wächst als Umsatz, skaliert das Geschäft – das ist der wahre Qualitäts-Indikator.

Beispiel: ASML hat 2014–2024 Umsatz mit ~12 % p. a. gesteigert, FCF mit ~15 % p. a. – klassisches Skalierungs-Profil.

3. EBIT-Wachstum (5 Jahre CAGR)

Definition: Wachstum des operativen Ergebnisses (EBIT) jährlich.

Schwellenwert: ≥ Umsatzwachstum. Wenn EBIT schneller wächst als Umsatz, gibt es Operating Leverage – ein wichtiges Qualitäts-Merkmal.

4–6: Qualität (ROIC, ROCE, Bruttomarge)

4. ROIC – Return on Invested Capital

Definition: NOPAT / (Eigenkapital + zinstragende Schulden − Cash). Misst, wie effizient das Unternehmen jeden investierten Euro in operativen Gewinn umwandelt.

Schwellenwert: ≥ 15 % p. a., über mindestens 5 Jahre. Unter 10 % vernichtet das Unternehmen real Kapital (Eigenkapital-Kosten ~ 8–10 %).

Beispiel: Visa hat ROIC 30 %+ über die letzten 10 Jahre – einer der weltweit besten ROIC-Werte.

5. ROCE – Return on Capital Employed

Definition: EBIT / (Total Assets − Current Liabilities). Vor-Steuer-Variante des ROIC, weniger empfindlich auf Steuersätze.

Schwellenwert: ≥ 20 % p. a. Wenn ROCE und ROIC stark divergieren, lohnt sich genaueres Hinschauen (Steuer-Optimierung, Goodwill-Effekte).

6. Bruttomarge (5-Jahres-Mittel)

Definition: (Umsatz − Cost of Goods Sold) / Umsatz.

Schwellenwert: ≥ 40 % als Indikator für Pricing Power. Hohe Bruttomarge ist meist Folge eines Wettbewerbsvorteils (Marke, Netzwerk-Effekt, Switching Costs).

7–8: Bilanz (Verschuldung & EK-Quote)

7. Net Debt / EBITDA

Definition: (Zinstragende Schulden − Cash) / EBITDA.

Schwellenwert: < 2,0× für stabile Geschäftsmodelle, < 1,0× für zyklische Branchen. Über 3,0× wird die Bilanz fragil – ein Konjunktureinbruch kann kritisch werden.

Beispiel: Microsoft hat heute negative Net Debt (mehr Cash als Schulden) – außergewöhnlich solide.

8. Eigenkapitalquote

Definition: Eigenkapital / Bilanzsumme.

Schwellenwert: ≥ 30 % als Daumenregel. In Banken und stark regulierten Industrien gelten andere Maßstäbe – dort beurteilen wir Kapitalquoten gemäß Basel III / Solvency II.

9–10: Kapitalallokation

9. Aktienanzahl (5-Jahres-Trend)

Definition: Veränderung der ausstehenden Aktien über 5 Jahre.

Schwellenwert: Konstant oder fallend ist gut. Steigende Aktienanzahl bedeutet Verwässerung – außer es wird durch eine Akquisition mit überzeugender Logik gerechtfertigt.

Beispiel: Apple hat seit 2013 die Aktienanzahl um über 35 % reduziert – konsequente Aktionärs-Rückgabe.

10. Dividendenrendite + Wachstum

Definition: Dividende / Aktienkurs + Dividenden-CAGR.

Schwellenwert: Wir prüfen das in Kombination – eine niedrige Dividendenrendite mit hohem Wachstum ist oft besser als eine hohe Rendite ohne Wachstum. Eine Auszahlungsquote > 70 % ist bei wachsenden Unternehmen ein Warnzeichen.

11–12: Bewertung

11. KGV (12 Monate forward)

Definition: Aktienkurs / erwarteter Gewinn pro Aktie der kommenden 12 Monate.

Schwellenwert: Kontextabhängig. Für Qualitätsaktien akzeptieren wir 18–25× – wenn das Wachstum stimmt und ROIC > 20 %. Für defensive Werte (Konsumgüter, Pharma) eher 15–22×.

12. FCF-Yield

Definition: Free Cashflow / Marktkapitalisierung.

Schwellenwert: ≥ 4 % als Mindest-Yield für stabile Geschäftsmodelle. Eine inverse Sicht: Bei 4 % FCF-Yield zahlt sich die Investition allein aus dem freien Cashflow in 25 Jahren zurück – ohne jedes Wachstum.

Die 12 Schwellenwerte als Cheatsheet

#KennzahlSchwellenwertKategorie
1Umsatzwachstum (5J CAGR)≥ 5 % p. a.Wachstum
2FCF-Wachstum (5J CAGR)≥ UmsatzwachstumWachstum
3EBIT-Wachstum (5J CAGR)≥ UmsatzwachstumWachstum
4ROIC≥ 15 %Qualität
5ROCE≥ 20 %Qualität
6Bruttomarge≥ 40 %Qualität
7Net Debt / EBITDA< 2,0×Bilanz
8Eigenkapitalquote≥ 30 %Bilanz
9Aktienanzahl-TrendKonstant / fallendKapital
10Dividenden-Wachstum≥ 5 % p. a.Kapital
11Forward-KGV18–25× (Quality)Bewertung
12FCF-Yield≥ 4 %Bewertung

Regel: Eine Aktie muss in mindestens 10 von 12 Kennzahlen die Schwellenwerte erfüllen, um in unser Musterdepot aufgenommen zu werden. Eine Position, die unter 8 von 12 fällt, wird typischerweise abgebaut.

Anwendung auf eine konkrete Aktie

So sieht die Methodik im Einsatz aus:

Die ehrliche Konsequenz: Wer dieses Framework versteht, braucht keinen „Tipp" mehr. Sie können selbst beurteilen, ob eine Aktie kaufenswert ist – nach denselben Kriterien, die wir bei jeder Position anlegen.

Im Programm vertiefen wir jede dieser 12 Kennzahlen mit eigenen Beispielen und „Edge Cases" (z. B. wie wird ROIC bei Banken berechnet, wie geht man mit Goodwill um, wie interpretiert man FCF in Kapital-intensiven Branchen). Für den Einstieg reichen die 12 Schwellenwerte oben – das ist mehr Methodik als 95 % der Privatanleger jemals systematisch anwenden.

Häufig gestellte Fragen

Antworten auf die häufigsten Fragen zu diesem Thema.

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